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Geno-Impuls Nr. 5

Die Krake Luhmi - Der Versuch einer simplifizierten Einführung in die Systemtheorie

Von Thomas M. Brösamle

Die niedliche Krake habe ich im Dezember 2019 am Weihnachtsmarkt "Gans am Wasser" am Mollsee im Münchner Westpark entdeckt. 

 

Verkauft wird die Krake dort von "Zeltschule.org", welche als soziale Initiative Schulen in syrischen Flüchtlingslagern im Grenzgebiet im Libanon baut. Somit haben syrische Kinder Zugang zu Bildung und damit eine Perspektive für die Zeit nach dem Bürgerkrieg. 

 

 

Gleich zu Anfang bekommen Sie zwei ernst gemeinte Versprechen von mir:
 
  1. Wenn Sie die Grundlagen der Systemtheorie begriffen haben, werden Sie an sich selbst beobachten, dass Sie organisatorische und gesellschaftliche Zusammenhänge völlig anders wahrnehmen bzw. verstehen. Plötzlich macht vieles einen Sinn, was bisher unerklärlich oder diffus erschien.
  2. Der Weg dort hin ist nicht ganz leicht, weil die Bausteine der Systemtheorie wie bei einem Netzwerk fest miteinander verbunden sind UND die Materie nicht trivial ist. 
 
Bedenken Sie bitte dabei, dass es sich um eine Theorie handelt und diese weder irgendeinen moralischen Anspruch erhebt noch eine tatsächliche Abbildung der Realität ist und damit auch in keiner Weise menschenverachtend ist. Die Systemtheorie hilft mir persönlich zum einen Zusammenhänge in Unternehmen zu beobachten und zu verstehen. Bei der Beobachtung geht es dabei immer um unterscheiden und bezeichnen. Auf dieser Basis überlegt man dann, welcher Eingriff, welche Maßnahme bzw. welche Störung vorhandene eingespielte Muster unterbrechen könnte. Dabei nutzt man die Unwucht des vorhandenen Systems. 
 
 
Teil 1 - Die Geschichte in kleinen Bausteinen. Im zweiten Teil werde ich eine systemtheoretische Übersetzung aller 42 referenzierten Bausteine versuchen.
Die Krake Luhmi (1. Perspektive) ...
  1. Ist eine unter vielen innerhalb der Spezies Krake.
  2. Ist permanent in den Weltmeeren unterwegs. 
  3. Ist ein richtiger Spießer.
  4. Luhmi führt ein Eigenleben, ist in gewisser Weise egoistisch bzw. nur auf sich selbst bezogen. 
  5. Man kann sie von außen beobachten, was in ihr geschieht, wird man jedoch niemals in Gänze verstehen. 
  6. Wie auch bei anderen Tieren gibt es verschiedene Arten von Kraken mit jeweils gleichartigen, stereotypen Mechanismen - beobachtet man eine Krakenart genau, so wirken alle Kraken dieser Art auf den ersten Blick gleichartig. 
  7. Bei genauer Beobachtung nimmt man aber feine Unterschiede zwischen ihnen wahr.
  8. Kraken haben große Augen, um sich selbst und ihre Umwelt zu beobachten.
  9. Wie bei einem Karussell sind alle Krakenarme permanent, scheinbar gleichmäßig in Bewegung.
  10. Diese Bewegungen sichern ihr Überleben und die Fortbewegung in den Weltmeeren.
  11. Sieht man aber genau hin, so stellt man eine minimale Unterschiedlichkeit in den scheinbar gleichartigen, monotonen Bewegungen fest. 
  12. Je erfahrener der Beobachter ist, desto besser versteht er sie und desto präziser nimmt er die Unterschiedlichkeit der Bewegungen ihrer Arme wahr. 
  13. Voraussetzung für die Bewegung der Krakenarme ist, dass sich Menschen an den Saugnäpfen „andocken“. 
  14. Diese sind aber immer nur eine gewisse Zeit an der Krake Luhmi "angedockt" - ansonsten sieht man die selben Menschen zu anderen Zeiten auch an Saugnäpfen anderer Kraken. 
  15. Lustigerweise suchen sie sich immer den selben Saugnapf von Luhmi aus - nur ganz selten wechseln sie diesen, docken sich aber dann nur noch am "Neuen" an. 
  16. Die Saugnäpfe der Kraken sind so ausgestaltet, dass sie niemals Menschen in ihren Krakenkörper vereinnahmen, sondern sie nur für eine gewisse Zeit anheften. 
  17. Die Krake Luhmi kann niemals den Menschen als Ganzes wahrnehmen, sie sieht nur den Teil des Menschen, welcher über den Saugnapf mit ihr befristet verbunden ist. 
  18. Sie erzeugt über diesen Saugnapf eine Art Filter, durch welchen nur der Teil des Menschen wahrgenommen werden kann, der unmittelbar mit der Krake verbunden ist. 
  19. Man kann beobachten, dass an jedem Saugnapf der Krake Luhmi teilweise völlig unterschiedliche Facetten der angedockten Menschen sichtbar werden.
  20. Um zu überleben, braucht Luhmi immer mehrere Menschen an unterschiedlichen Saugnäpfen. Werktäglich und tagsüber herrscht reges Treiben an der Krake Luhmi, nachts und am Wochenende sind wenige Menschen anwesend und die Bewegungen laufen scheinbar "auf Sparflamme". Haften keine Menschen an den Saugnäpfen an, so hört Luhmi auf zu existieren.
  21. Ab und an kommt es auch vor, dass Kraken in den Weiten der Weltmeere von ihrer rauhen Umwelt (von anderen Kraken oder Menschen) zerstört werden. 

Der Mensch Niklas (2. Perspektive) …

  1. Ist ebenfalls in den Weltmeeren unterwegs. 
  2. Schwimmt niemals alleine umher, sondern ist immer an einem Saugnapf einer Krake angeheftet. 
  3. Verliert er die Bindung an einen Saugnapf, hört er auf zu existieren.
  4. Kein Beobachter kennt Niklas als ganzheitliches Individuum im Sinne eines humanistischen Ansatzes. 
  5. Immer wenn er die Krake und damit den Saugnapf wechselt, vollzieht sich ein komischer Wandel: er gibt sich damit mit anderen Facetten seiner Persönlichkeit.
  6. Er selbst kann das nur bedingt beeinflussen, weil der Saugnapf ihm nur eine gewisse Freiheit und einen beschränkten Handlungsspielraum einräumt. 
  7. Je größer die Krake, desto geringer sein individueller Einfluss. 
  8. Ab und an bricht Niklas aufgrund seiner jugendlichen Ungestümheit aus und macht etwas Verrücktes.
  9. Macht er es unüberlegt oder aus Trotz, ist Luhmi richtig sauer und lässt ihn durch andere angedockte Menschen „bestrafen“. 
  10. Macht er es jedoch mit einer List und / oder mit Verbündeten ist Luhmi stolz auf ihn und belohnt ihn damit, dass sie die Neuerung in ihren stereotypen Bewegungsablauf integriert.
  11. Niklas ist ein kommunikativer Typ und ist immer am Quasseln. 
  12. Dabei wundert er sich, dass das was er sagt oder macht von anderen angedockten Personen teilweise überhaupt nicht gehört wird und offensichtlich immer unterschiedlich aufgenommen oder verstanden wird. 
  13. Obwohl er versucht Dinge die er selbst wahrnimmt, exakt und präzise zu formulieren, so ändert das kaum etwas an diesem Phänomen. 
  14. Vor einiger Zeit hat er im Urlaub das Weltmeer gewechselt und verwundert festgestellt, dass die "Spielregeln" des eigenen Weltmeeres dort überhaupt nicht gelten oder aber zu komischen Reaktionen der anwesenden Menschen führen. 
  15. An sich selbst nimmt Niklas wahr, dass er je nachdem an welcher Krake er anheftet völlig anders kommuniziert. 
  16. Er stellt dabei fest, dass er sein Kommunikationsverhalten immer dann anpasst, wenn er die Krake und damit den Saugnapf wechselt. 
  17. Vor einiger Zeit hat er dauerhaft den Saugnapf an der Krake Luhmi gewechselt und durch Selbstbeobachtung festgestellt, dass er auch ohne Wechsel der Krake sein Kommunikationsverhalten geändert hat bzw. eigentlich scheinbar fremdbestimmt ändern musste.


Der Beobachter Observatus (3. Perspektive) ...

 
  1. Ist einer unter wenigen Menschen, egal ob er an Luhmi oder einer anderen Krake angeheftet ist, welcher versteht, dass Kraken durch ihren Eigensinn ein eigenes Leben führen. 
  2. Er akzeptiert das und versucht permanent durch geschickte Beobachtung zu verstehen, was Kraken tun, warum sie es tun und welche Bewegung sie wahrscheinlich als nächstes vollziehen werden. 
  3. Observatus ist ein glücklicher und befreiter Mensch, weil er niemals Erfolg oder Schuld bei angedockten Menschen sieht, sondern immer bei Luhmi oder anderen Kraken verortet UND
  4. weil er weiß, dass er durch geschickte Schachzüge Kraken überlisten kann und damit fast wie durch Geisterhand die angedockten Menschen ihr Verhalten ändern - durch den Saugnapf erscheinen diese dann danach leicht anders.
Teil 2 - Die systemtheoretische Übersetzung bzw. eine simplifizierte Einführung in die Systemtheorie in 42 Sätzen: 
Die Story der Krake Luhmi und Ihrer sogenannten „Beobachter“ Niklas (Beobachter 1. Ordnung) und Observatus (Beobachter 2. Ordnung) haben Sie gelesen. Nachfolgend als Versuch eines leichten Einstieges in die Systemtheorie die Transformation - referenziert auf die 42 obigen Aussagen. Übrigens verwendet die Systemtheorie ganz eigene Begriffe; als kompaktes Nachschlagewerk empfehle ich Ihnen mein Wörterbuch in diesem Blog mit allen wesentlichen Begriffen (diese Begriffe sind in fetter Schrift kenntlich gemacht). Sollte Ihnen ein Begriff fehlen, lassen Sie es mich bitte wissen; ich bin für jeden Impuls dankbar!
Die Krake Luhmi: 
  1. Vielleicht haben Sie beim Lesen schon vermutet, dass die Krake Luhmi ein Unternehmen ist. Im Sinne der Systemtheorie handelt es sich hierbei um ein sogenanntes „soziales System“. Das vorgestellte Unternehmen ist eines unter vielen.
  2. Niklas Luhmann als einer der geistigen Väter der soziologischen Systemtheorie beschreibt, dass bedingt durch Massenmedien und moderne Formen der Kommunikation eine sogenannten „Weltgesellschaft“ realisiert ist. Simplifiziert könnte man sagen, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt. Im Kontext Globalisierung und Digitalisierung meines Erachtens logisch bzw. verständlich.
  3. Unternehmen als soziale Systeme sind konservativ und vergangenheitsstabilisierend. Das liebste ist ihnen also, wenn alles so bleibt wie es ist. Das soziale System macht die „Dinge mit sich selbst aus“ und kann auch immer nur auf die eigenen Ressourcen bzw. Operationen zugreifen. 
  4. Soziale Systeme sind selbsterschaffend bzw. selbsterhaltend (Fachbegriff: Autopoiese oder Autopoiesis), d.h. sie erzeugen sich selbst bzw. erhalten sich selbst immer nur mit den eigenen Mustern bzw. Ressourcen. Aus Perspektive des sozialen Systems ist alles um sie herum Umwelt (andere soziale oder "psychische Systeme“ >> Erklärung folgt).
  5. Aus dieser Eigenlogik folgt, dass man Unternehmen als soziale Systeme nicht kausal beeinflussen oder verändern kann. Man kann sie von außen nur beobachten und ggfs. „stören“. Die Reaktion auf diese Störung folgt ausschließlich der Eigenlogik des sozialen Systems. Eine völlige Transparenz bzw. ein vollumfängliches Verstehen ist aufgrund der Komplexität des sozialen Systems ausgeschlossen. Eine wenn / dann-Logik oder Kausalität scheidet aus. Für eingefleischte Manager des alten Schlags eine bittere Erkenntnis!
  6. Es gibt neben Unternehmen auch noch andere Arten von sozialen Systemen wie beispielsweise Familie, Verein, Behörde, Politik ... Was sie alle vereint ist, dass sie alle kommunizieren - der „Treibstoff“ ist die Aneinanderreihung von Kommunikationsoperationen. Nur soziale Systeme und eben nicht Menschen, sind in der Lage zu kommunizieren (akzeptieren Sie das bitte einfach mal so, auch wenn es zunächst komisch klingt). Wie unterscheiden Sie sich dann? Durch die sogenannte binäre Codierung, man könnte es auch als „Währung“ im sozialen System umschreiben. In Unternehmen geht es um zahlen / nicht zahlen, in der Familie um Liebe / keine Liebe oder in der Politik um Macht / keine Macht*.
  7. Jedes Unternehmen als soziales System hat eine eigene Unternehmenskultur. Damit reduziert dieses Komplexität. Aufgrund der vorherrschenden Kultur wissen alle Beteiligten, welche Reaktion oder Handlungsweise jeweils geboten oder angemessen ist. Die Summe aller Erwartungen je Stelle ist ein sogenanntes Erwartungsbündel.
  8. Soziale Systeme sind in der Lage sich selbst aber auch andere soziale Systeme oder sogenannte „psychische Systeme“ (also im weitesten Sinn Menschen oder besser Personen) wahrzunehmen.
  9. Das Fundament der Existenz von sozialen Systemen sind immer wieder stattfindende Kommunikationsoperationen. Operation 2 muss also zur Operation 1 passen (sogenannte Folgekommunikation), womit diese anschlussfähig ist. Nur wenn diese Operationen zueinander kompatibel sind, handelt es sich um EIN soziales System. Nicht anschlussfähige Kommunikationen sterben einfach weg. Kommunikationsmuster sind in Form von Unternehmenskultur in das soziale System quasi eingespeist. 
  10. Ohne Kommunikation hört das soziale System auf zu existieren.
  11. Trotz der „Vergangenheitsstabilisierung“ laufen soziale Systeme unrund bzw. haben eine gewisse „Unwucht“. Dies ist die Voraussetzung für Veränderung bzw. deren Fortentwicklung.
  12. Als Mitarbeiter (Beobachter 1. Ordnung) oder beispielsweise externer Berater / Kunde (Beobachter 2. Ordnung) kann man mit Hilfe der Systemtheorie zum einen das Unternehmen als „Ganzes“ versuchen zu verstehen bzw. Veränderung durch „Störung“ oder „Musterbruch“ einspeisen um dann zu beobachten, wie das soziale System damit umgeht: Alternative A: der Immunapparat "springt an" und verhindert eine Veränderung, Alternative B: das neue Muster wird akzeptiert und dauerhaft vom sozialen System übernommen. Notwendige Voraussetzung für die „Störung“ von außen ist die informationelle Offenheit (sogenannte Pertubation) des sozialen Systems. Übrigens: nur Menschen / Personen haben ein Bewusstsein / eine Intelligenz, nicht soziale System selbst!      

  13. Notwendige Voraussetzung dafür, dass Kommunikation stattfindet bzw. das Unternehmen existiert ist, dass Mitarbeiter im sozialen System arbeiten. Vorsicht: diese sind im Sinne der Systemtheorie kein Bestandteil des sozialen Systems sondern nur notwendige Bedingung. Die Verbindung zwischen den Mitarbeitern bzw. deren Psyche und dem sozialen System nennt die Systemtheorie "strukturelle Kopplung". Diese Kopplung löst das Problem, dass selbstreferentielle Systeme nicht in ihrer Umwelt operieren können, dennoch aber scheinbar aufeinander abgestimmte Entwicklungen zu beobachten sind. Eine passende Beschreibung dieser Kopplung zwischen sozialem und psychischem System ist die Metapher zweier Uhren in einem Raum, die so ausgestaltet sind, dass sie nur ticken, wenn sie über einen Sensor einen Impuls der jeweils anderen Uhr registrieren. 

  14. Jeder Mitarbeiter hat über das jeweilige Anforderungsprofil an seine Stelle genau einen definierten Platz im Unternehmen mit konkreten Erwartungen. Seine Rolle inkl. der Erwartungen an ihn wechselt, sobald er sich in seiner Freizeit mit der Familie oder mit Freunden umgibt. Er wechselt also das soziale System und mit ihm sein kontextbezogenes Verhalten. 

  15. Wird der Mitarbeiter befördert oder wechselt er die Stelle innerhalb des Unternehmens, so gibt es ein neues „Erwartungsbündel“ - beobachtbar beispielsweise wenn ein Mitarbeiter zur Führungskraft im selben Team wird. Plötzlich wird der nette Kollege zum ernsten, strengen Chef.

  16. Soziale Systeme sind eigenlogisch, was bedeutet, dass Sie Menschen nicht dauerhaft aufnehmen oder „vereinnahmen“, sondern sie nur für eine bestimmte Zeit mit spezifischen Erwartungen „mitspielen“ lassen.

  17. Den Menschen als Ganzes kennt die Systemtheorie nicht; sie geht davon aus, dass im jeweiligen sozialen System immer nur ein Teil bzw. bestimmte Facetten von ihm wahrgenommen werden können. Beobachtbar beispielsweise über das andersartige Verhalten im Beruf und im privaten Umfeld.

  18. Im sozialen System wird der Mensch zur „Person“, d.h. im jeweiligen System werden immer nur bestimmte, „systemspezifische“ Facetten des Menschen sichtbar. Die Verbindung zwischen Person und sozialem System erfolgt über eine sogenannte Projektionsfläche.

  19. Die Erwartungen an die Stelle bzw. die Rolle sind teilweise völlig unterschiedlich, z.B. Firmenkundenbetreuer versus Risikoanalyst, Mitarbeiter versus Führungskraft, Manager versus Betriebsrat, Revisor versus Berater...

  20. Voraussetzung für die Existenz von Unternehmen als soziale Systeme ist, dass Mitarbeiter täglich in Interaktion treten, also gemeinsam arbeiten. Außerhalb der üblichen Arbeitszeit sind die Mitarbeiter Teil ihrer jeweiligen anderen (privaten) sozialen Systeme. Grundvoraussetzung für die Existenz von Unternehmen ist Kommunikation. Ohne Personen = psychische Systeme keine Kommunikation.

  21. Durch gezielte Maßnahmen lassen sich Unternehmen von anderen sozialen oder psychischen Systemen zerstören bzw. in die Insolvenz treiben.

 

Der Mitarbeiter Niklas:

  1. Die Systemtheorie kennt keine Menschen, sondern nur Personen (also der im jeweiligen sozialen System sichtbare Teil). Diese nehmen als sogenannte „Psychische Systeme“ am sozialen System teil. Deren Grundoperation ist nicht Kommunikation, sondern Gedanken, welche sich aneinander reihen (sog. Gedankenoperationen).
  2. Menschen als soziale Wesen sind regelmäßig Teil eines sozialen Systems (privat oder beruflich).
  3. Ist der Mensch nicht mehr Teil der Gesellschaft, hört er auf zu leben. Ohne soziale Interaktion, ohne soziale Kontakte kein Leben.
  4. Niklas tritt immer nur mit dem im sozialen System erwarteten Verhalten in Erscheinung. Niklas als Ganzes ist also die Summe aus all seinen Rollen. Im Sinne der Systemtheorie ist der Mensch die Summe aus seinen verschiedenen Personenrollen. 
  5. Jeder andere Teilnehmer eines sozialen Systems nimmt die jeweilige Person immer nur mit ihrem systemkonformen Verhalten wahr. Jedes soziale System hat seine eigenen Spielregeln und „zwingt“ die Teilnehmer zu systemkonformen Verhalten (sogenannter Konformitätsgrundsatz). Im Sinne einer systemischen Organisationsetwicklung ist also die spannende Frage, welche man sich stellen kann: Wenn ich das Unternehmen wäre, was würde ich als Nächstes tun bzw. was würde ich in dieser Situation von einem bestimmten Mitarbeiter erwarten bzw. „verlangen“. 
  6. Oftmals ärgert man sich über andere Personen, sollte aber bedenken, dass diese nur gemäß den Erwartungen an Ihre jeweilige Rolle handeln.
  7. Je größer ein Unternehmen, desto geringer ist der Einfluss an den Einzelnen und desto ausgeprägter sind die Erwartungen an die jeweilige Stelle (Kleinbetrieb versus Konzern).
  8. Soziale Systeme lassen sich durchaus stören. Dazu ist es jedoch notwendig, dass eine Person / ein psychisches System etwas Neues versucht (sogenannter Musterbruch). Wichtig: Soziale Systeme haben keine Intelligenz und kein eigenes Bewusstsein; dieses kann nur psychischen Systemen zugerechnet werden. Über die strukturelle Kopplung der beiden Systeme speisen diese ihre Gedanken durch Kommunikation und Handlung in das jeweilige soziale System ein. 
  9. Jede Neuerung wird vom System zunächst einmal kritisch beäugt, der Immunapparat „springt an“. Wird das Neue nicht akzeptiert, so bestraft der Immunapparat der Organisation den "Ausbrecher".
  10. Manche Versuche werden jedoch als Neuerung akzeptiert und dauerhaft im System integriert - aufgrund der Komplexität sozialer Systeme jedoch niemals mit einer wenn-dann-Logik.
  11. Für die Teilnahme an soziale Systemen muss der Mensch / die Person kommunizieren bzw. daran teilnehmen. „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Paul Watzlawick).
  12. Man kann eigene Gedanken nicht in einen anderen Kopf 1:1 einpflanzen, sondern muss immer den Umweg über Kommunikation nehmen. Nach Niklas Luhmann gibt es in der Kommunikation keine Einigung, sondern ein Missverständnis bzw. eine Unschärfe reiht sich an das / die nächste; nur dieses Phänomen hält Kommunikation überhaupt aufrecht.
  13. Eine entlastende Erkenntnis ist, dass das was man sagt von anderen Personen niemals 1 : 1 verstanden werden kann. Aufgrund der Bedeutung für das Thema Komplexität, werde ich zum Thema Kommunikation einen eigenen Geno-Impuls verfassen.
  14. Jedes soziale System hat eigene Spielregeln - gesellschaftliche Gepflogenheiten eines Landes sind ggfs. in einem anderen unvorstellbar (spucken Sie doch einmal in einer europäischen Metropole auf den Boden - nicht akzeptiert, in China üblich weil gesund). Durch die strukturelle Kopplung von Personen / psychischen Systemen und sozialen Systemen „weiß man sich zu benehmen“.
  15. Bereits erklärt; auf dem Junggesellenabschied mit seinen Kumpels wird sich der junge Bankvorstand mit hoher Wahrscheinlichkeit anders verhalten als auf seiner Vertreterversammlung oder in der Aufsichtsratssitzung.
  16. Jedes soziale System zwingt einen in ein anderes Kommunikations- oder Verhaltensmuster.
  17. Durch Wechsel der Rolle innerhalb einer Organisation ändern sich auch die Erwartungen an die Stelle, z.B. bei Versetzung oder "Beförderung".


Der Beobachter Oberservatus:

  1. Das Verständnis der Systemtheorie ermöglicht den Mitarbeitern oder Externen ein neues, ganzheitliches Verständnis von Unternehmen oder Gesellschaft.
  2. Man kann sich durch intensive und erfahrene Beobachtung in das Eigenleben einer Organisation „eindenken“ (z.B. über sogenannte verkettete Gespräche).
  3. Hat man die Eigenlogik von sozialen Systemen als wesentlichen Teil der Systemtheorie verstanden, so wird man beginnen Erfolge oder Misserfolge nicht bei einzelnen Personen zu verorten. Man wird begreifen, dass Arbeit am System und nicht am Verhalten von Mitarbeitern vorteilhafter sein könnte.
  4. Die durch geschickte Arbeit an den Strukturen des sozialen Systems übernommenen Neuerungen führen dazu, dass Mitarbeiter (auch ohne Appelle) Ihr Verhalten anpassen. Die dann neue Kultur entsteht durch verändertes Verhalten der Mitarbeiter und kann wiederum nur beobachtet werden. Werte kann man nicht einfordern (Appelle wie „arbeitet doch mal als Team“, „übernehmt doch mal gemeinsam Verantwortung“, „seid doch mal agil“ werden von den Beteiligten im schlimmsten Fall als Zynismus empfunden). 

 

* Hier noch eine kurze Erklärung zum sozialen System Politik mit seiner binären Codierung Macht bzw. keine Macht: Amoralisches Verhalten ist dort völlig normal, sofern es nicht zum Macherhalt dient. Oder vereinfachend und anders formuliert: moralisches Verhalten wird es in der Politik nur geben, wenn es dem Machterhalt dient. Sie können von keiner Person verlangen (egal in welcher Rolle), dass sie den Ast absägt auf welchem sie sitzt. Eine durchaus provokante These. In Kenntnis der Grundlagen der Systemtheorie bin ich aber zutiefst von ihr überzeugt; praktische Beispiele hierfür gibt es noch und nöcher...


 

 

Einige Thesen in diesem Zusammenhang für Ihre Reflektion:

 

  1. Ihre Wahrnehmung erzeugt Ihre eigene / subjektive Wahrheit. Wenn Sie die Personen Ihres Umfeldes aufgrund Ihrer Taten in Helden (der Meier der hat’s voll drauf) und Schuldige (der Müller ist eine Trantüte) einteilen, haben Sie das eigentliche Problem noch nicht richtig erfasst. Wenn es jedoch diese Verurteilung zur Wahrnehmung bzw. Gestaltung nicht mehr braucht, dann sind Sie vielleicht auf der richtigen Spur...
  2. Fragen Sie sich immer a) Was würde ich als Firma als nächstes tun? b) Was würde ich in der Rolle des Kollegen als nächstes tun bzw. welche Meinung / Position wird er wohl bei einem diskutierten Thema vertreten? 
  3. Verabschieden Sie sich vom Thema Kulturentwicklung (Oxymoron); Sie können diese nur beobachten. Diese ergibt sich immer aufgrund der Umstände. Ändern Sie Regeln, Prozesse und Strukturen, die gewünschte Kultur stellt sich dann vermutlich von selbst ein (ansonsten nachbessern bzw.  Neues ausprobieren).  
  4. Im Komplexen geht es also um die Weiterentwicklung von der Verhaltens- hin zur Wertekultur. Verhalten kann man einfordern, (kollektive) Werte bzw. Unternehmenskultur nur beobachten. 
  5. Bedenken Sie immer, dass an jede Funktion im Unternehmen ganz spezifische Erwartungen geknüpft sind. Der Kollege macht etwas nicht um Sie zu ärgern, sondern weil es Teil seiner Rolle ist (die Summe davon ist das Erwartungsbündel).
  6. Menschen unterliegen einem Konformitätszwang. Sehen Sie sich dazu einfach mal das nachfolgende Video an:     

 

Links:

 

Youtube-Video zum Thema Konformität. 

 

https://www.youtube.com/watch?v=fChsHd3F_0c

 

Mark Poppenborg (Gründer des New Work-Netzwerkes "intrinsify") hat ebenfalls eine leicht verständliche Einführung in die Systemtheorie geschrieben.

 

https://intrinsify.de/systemtheorie-wieso-sie-fuer-moderne-unternehmensfuehrung-unverzichtbar-ist/

 

Eine kurze Einführung in die Systemtheorie von Fritz B. Simon - einem der großen Systemtheoretiker der Gegenwart. 

 

https://youtu.be/lrHjMOYDtY0

 

Literaturtipps:

 

Ein guter, praktisch erklärter Einstieg in die Systemtheorie ist von Fritz B. Simon - Gemeinsam sind wir blöd!? Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten

 

https://www.amazon.de/Gemeinsam-sind-wir-bl%C3%B6d-Intelligenz/dp/3896704362/ref=sr_1_8?ie=UTF8&qid=1553452399&sr=8-8&keywords=fritz+b.+simon

 

Wer etwas tiefer in die soziologische Systemtheorie einsteigen will dem empfehle ich: Luhmann leicht gemacht von Margot Berghaus. Eine gut zu lesende / illustrierte Einführung mit diversen praktischen Beispielen in einer verständlichen Sprache.

 

https://www.amazon.de/Luhmann-leicht-gemacht-Einf%C3%BChrung-Systemtheorie/dp/3825223604/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1553452306&sr=8-1&keywords=luhmann+leicht+gemacht

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Christopher Temt (Mittwoch, 13 November 2019 09:59)

    Vielen, vielen Dank dafür, dass sie sich die Mühe gemacht habe, die Systemtheorie so gut und übersichtlich zu beschreiben. Hat mir beim Verstehen sehr geholfen und daher auch zwei Verständnis Fragen:

    1.) Sie schreiben, dass ein System entweder A.) annehmen oder B.) ablehnen kann. Karl E. Weik nennt noch eine 3te Möglichkeit C.) variieren. Was hat es damit auf sich?

    2.) Sie schreiben: "Ändern Sie Praktiken und Strukturen, die gewünschte Kultur stellt sich dann von selbst ein." Schön wäre es, aber wenn man ihre Text aufmerksam liest, so kann nur eine halbwegs passable/zufriedenstellende Kultur entstehen und nie die gewünschte, oder?
    Christopher Temt

  • #2

    Thomas M. Brösamle (Mittwoch, 13 November 2019 18:30)

    Hallo Herr Temt,

    danke für Ihre beiden Fragen.

    1. Ich würde „variieren“ als Form von „annehmen“ werten, aber eben in etwas anderer Form. Das bringt auch nochmals zum Ausdruck, dass man soziale Systeme nicht kausal und zielgerichtet beeinflussen kann. Nur das soziale System selbst weiß, wie es die Störung oder Intervention in sich verarbeitet - annehmen, ablehnen oder variiert übernehmen.

    2. Das habe ich nach erneutem Lesen wirklich unglücklich formuliert, da haben Sie absolut recht. Die Kultur folgt immer den Ereignissen (Niels Pfläging spricht beispielsweise von einem Schatten - dieser folgt immer seinem Spender). Mir war in dem Zusammenhang nur wichtig zu betonen, dass man eben an Strukturen arbeiten sollte. Mitarbeitende werden über das Bedürfnis nach Konformität ihr Verhalten dann anpassen. Im Idealfall führt dann die strukturelle Veränderung zur gewünschten Verhaltensänderung. Es bedarf aber immer des „Umwegs“ über Strukturen. Appelle von Managern bringen rein gar nichts - nur schlechte Stimmung und inneren Zorn bei Mitarbeitenden.

  • #3

    Christopher Temt (Dienstag, 19 November 2019 15:29)

    add 1.)
    Vielleicht lässt es sich mit einer Regelungslücke erklären?
    Bei einer Regelungslücke kommt das System Organisation mit seinem binärem, digitalen System nicht weiter, es stockt und es kann die Lücke nicht von sich aus ausfüllen. Hierzu benötigt es das analoge System Person, dass mit Hilfe von Variationen eine passende digitale Lösung für das Regelwerk findet und implementiert.
    Vielleicht könnte man auch das Informelle an sich, da es von Personen bewerkstelligt wird, als analoge Variation des digitalen Formalen bezeichnen, oder?
    Digital: Annehme / Ablehnen
    Analog: Annehme / Ablehnen / Variieren